Laudatio für das Feministische Frauen Gesundheitszentrum Berlin von Jana Terhorst (Berliner Feuerwehr)
Sehr geehrte Zuhörende, liebe Freund*innen des Feministischen Frauen Gesundheitszentrums Berlin,
es ist mir eine große Freude, heute das Feministische Frauen Gesundheitszentrum Berlin – oder kurz: das FFGZ – zu ehren. Ein Zentrum, das in diesem Jahr seit genau einem halben Jahrhundert die Gesundheit von Frauen und marginalisierten Geschlechtern in Berlin und weit darüber hinaus fördert – das Wissen teilt und Vertrauen stärkt. Seit seiner Gründung im Jahr 1974 ist das FFGZ ein Leuchtturm der feministischen Gesundheitsbewegung in Deutschland und leistet seit jeher Pionierarbeit, die dazu beigetragen hat die Welt zu einem besseren Ort zu machen.
Dies ist vor allem deshalb wichtig, da der männliche Körper in der Medizin lange als universelle Norm angesehen, während der weibliche Körper als Abweichung betrachtet wurde. Bis in die Neuzeit hinein galten Frauen lediglich als biologisch minderwertige Versionen von Männern. Frauen wurden lange aus klinischen Studien ausgeschlossen, um „hormonelle Schwankungen“ zu vermeiden. Die Praxis Medikamente vorwiegend an Männern zu testen hat sich erst in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert. Bis heute gibt es Studien, in denen Frauen unterrepräsentiert sind. Selbst wenn Frauen heute in Studien einbezogen werden, werden geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Auswertung immer noch nicht ausreichend berücksichtigt. Erst in den letzten Jahrzehnten wurde erkannt, dass Frauen bei Krankheiten wie Herzinfarkten oft ganz andere Symptome zeigen als Männer, was bereits zu verheerenden Fehldiagnosen führte. Studien zeigen, dass Frauen häufiger als Männer erleben, dass ihre Schmerzen als „psychosomatisch“ oder übertrieben abgetan werden. Dies führt zu längeren Diagnosedauern und schlechterer Versorgung. Seit Jahrzehnten tragen Frauen die Hauptlast der hormonellen Verhütung, oft mit schweren Nebenwirkungen, während vergleichbare männliche Verhütungsmethoden kaum entwickelt wurden. Die Geburtshilfe war lange von männlichen Ärzten dominiert, die invasive und teilweise traumatisierende Methoden einsetzten, während traditionelle Hebammenarbeit verdrängt wurde. Die Liste könnte ich jetzt ziemlich lange so weiterführen. Ich glaube, es ist sehr deutlich warum es Räume braucht, die Frauen eine ganzheitliche medizinische Beratung anbieten und wo der weibliche Körper als eigenständiges Subjekt anerkannt ist. Diese wichtige Arbeit leistet das FFGZ – und das bereits seit langem.
Der gesellschaftliche Androzentrismus führte zu fehlenden Beratungs- und Behandlungsmöglichkeiten für Frauen. Krankheiten, die hauptsächlich Frauen betreffen, wie beispielsweise Endometriose, PCOS oder Autoimmunerkrankungen werden bis heute unzureichend erforscht. „Frauengesundheit wird immer noch politisch zu wenig mitgedacht“, so Nina Schernus, Mitarbeitende des FFGZ, im Gespräch. „Frauengesundheit darf kein Nischenthema sein und muss gefördert und finanziert werden.“
Das FFGZ versteht sich über ein Beratungszentrum hinaus als eine Gemeinschaft, die Frauen und queere Menschen befähigt, ihre Gesundheit selbst in die Hand zu nehmen. Es vermittelt Wissen, klärt auf und kämpft unermüdlich gegen Tabus und Ungleichheiten im Gesundheitswesen. Hier werden Themen angesprochen, die oft in der Gesellschaft verschwiegen werden – wie Menstruation, Verhütung, Schwangerschaft, Wechseljahre oder geschlechtsspezifische Gesundheitsfragen. Durch das Engagement des Zentrums haben unzählige Menschen Unterstützung und Antworten gefunden, die sie sonst nicht erhalten hätten.
Die Stärke des FFGZ liegt auch in der Tiefe und Breite seiner Beratungsangebote. Mit Einfühlungsvermögen und Verständnis für die gesundheitlichen und psychosozialen Bedürfnisse von Frauen und marginalisierten Geschlechtern hat das FFGZ ein Beratungsmodell entwickelt, das auf Augenhöhe basiert. Ein besonderes Merkmal des Beratungsansatzes ist es, die individuelle Lebenssituation der Betroffenen mitzudenken. „Im medizinischen Kontext ist das oft nicht möglich“, sagt Nina. Ob persönliche Beratung, Workshops oder umfangreiche Materialien – das Angebot ist umfassend und doch individuell. Jede Beratung und jeder Workshop zeigt das Engagement des FFGZ für eine Gesundheitsversorgung, die nicht nur medizinische Fakten berücksichtigt, sondern die Menschen in ihrer Ganzheit sieht.
Nina machte in unserem Gespräch außerdem darauf aufmerksam, dass Betroffene, vor allem Frauen, oft selbst zu wenig über ihre Themen sprechen, sich zu wenig um sich selbst und um ihre Beschwerden kümmern – oder dass die Scham zu groß ist, darüber zu sprechen. Häufig geht die Familie, die Arbeit oder anderes vor. Hier versteht sich das FFGZ als Hilfegebende zur Selbsthilfe. Ein Schutzraum zu sein wo Menschen, die Ohnmacht und Retraumatisierung im Gesundheitssystem erfahren, ein offenes Ohr erhalten und das Erlebte nicht in Frage gestellt wird. Dies gilt für den gynäkologischen Bereich, bei der Versorgung von chronischen Krankheiten, für Menschen die sich pathologisiert fühlen oder Menschen die Erfahrungen von sexualisierter Gewalt gemacht haben. Alle Menschen sind hier willkommen, auch, wenn sie nicht der Norm entsprechen, nicht binäre Körper haben oder nicht heteronormative Beziehungen führen.
Es geht darum gesellschaftspolitisch die Bedingungen zu schaffen, in denen alle Menschen selbstbestimmt und informiert gesundheitliche Entscheidungen treffen können. Besonders hervorzuheben ist die Arbeit des FFGZ im Bereich der reproduktiven Rechte und sexuellen Selbstbestimmung. In einer Zeit, in der Frauenrechte weltweit erneut unter Druck geraten, setzt das Zentrum ein unmissverständliches Zeichen für das Recht auf informierte Entscheidungen und körperliche Autonomie. Hier wird nicht nur beraten und informiert, sondern auch politische Arbeit geleistet, um Diskriminierungen und Ungerechtigkeiten zu bekämpfen, die nach wie vor tief im System verankert sind.
All dies wäre ohne das Herz und die Energie der Mitarbeiterinnen und Unterstützerinnen nicht möglich. Diejenigen, die das Zentrum seit 50 Jahren am Leben erhalten, tun dies aus tiefster Überzeugung und aus einem unermüdlichen Willen zur Veränderung. Sie stehen für Solidarität und die Kraft der Gemeinschaft, die jede einzelne Person ermächtigt, sich selbst zu helfen und gemeinsam stark zu sein.
Heute, an diesem Tag, möchten wir das FFGZ dafür ehren, dass es diesen Weg entschlossen fortsetzt und den Mut hat, auch unbequeme Hürden zu überwinden. Das FFGZ hat unzählige Leben berührt, hat Wissen verbreitet, wo Unwissenheit herrschte, und hat Frauen und queere Menschen auf ihrem Weg zur Selbstbestimmung begleitet. Es bleibt eine unverzichtbare Stimme für Gerechtigkeit, Respekt und Menschlichkeit.
Liebe Mitglieder des FFGZ, liebe Unterstützerinnen und Freundinnen, danke für euren Einsatz, für eure Vision und für eure Stärke. Danke, dass ihr einen Raum geschaffen habt, in dem wir uns als Menschen respektiert, gehört und unterstützt fühlen. Wir danken euch von Herzen und freuen uns darauf, gemeinsam mit euch weiterhin für eine gerechtere und gesündere Welt zu kämpfen.
Herzlichen Dank!
Berlin, 2. Dezember 2024